JOHN SINCLAIR Classics Folge 30, „Das Phantom von Soho“Kennste den schon? Heute klingelt bei mir das Telefon. Dran ist Sebastian, der gerade an der Vertonung der Classics 30 sitzt. Und sein Anruf beginnt wie alle seine Anrufe dieser Art: „Sag mal, was hast du dir denn bei der Szene wieder gedacht ....?!“

Ich gestehe ja, ich liebe solche Anrufe. Es gibt nichts Schöneres, als in seinem Gedächtnis nach Details einer Szene zu kramen, das man vor ungefähr einem Jahr verfasst hat (ja, so lange ist das im Fall der Classics 30 schon her) und die Fakten anschließend in einer Art Verhör prüfen zu lassen. Hefte raus, Klassenarbeit! für Hörspielautoren sozusagen.

Dabei geht es natürlich manchmal um ganz simple Details, bei denen man sich schnell verständigen kann. Zum Beispiel, wenn – wie ebenfalls in der Classics 30 zu hören – Leute an einem Tisch Bridge spielen und dabei reizen. Welche Kartengeräusche darf man da hören? Gereizt wird ja nach dem Mischen und Verteilen der Karten und vor dem eigentlichen Spiel. Also darf man eigentlich gar keine Karten hören … „Ja, ja“, meint dann Sebastian, „wir können aber nicht einfach gar keine Kartengeräusche machen. Wir brauchen ja das akustische Bild.“ Und deshalb schummelt man dann ein bisschen, um der perfekten Illusion willen ... ;-)

Es gibt aber auch kniffligere Momente. Zum Beispiel in der Mitte der besagten Folge, wenn John Sinclair von seinem Gegner, dem Phantom von Soho, überwältigt und bewusstlos geschlagen wird. Die Szene endet damit, dass zwei Passanten auf dem Bürgersteig mit einer Handykamera filmen, wie das Phantom John aus dem Bentley zerrt, auf der Straße ablegt und dann mit dem Wagen davonjagt. Was so einfach in einem Satz gesagt wird, ist natürlich gar nicht so einfach im Hörspiel darstellbar, weil ... ja, weil uns der Erzähler fehlt. Denn der heißt in dieser Szene ja Sinclair und ist gerade bewusstlos! :-D

Wieso?, könnte man einwenden. Warum spricht dann hier nicht die reguläre Erzählerin Alexandra Lange, die ist schließlich keineswegs bewusstlos!

Und schon befinden wir uns mitten in einer Diskussion über Erzählperspektiven ... Die Beschäftigung damit gehört zum Handwerk eines Autors, egal, ob er einen Roman oder ein Hörspielskript verfasst. Wir als Leser bzw. Hörer nehmen hinterher nämlich ganz unbewusst genau diese Perspektive ein und sind schnell verwirrt, wenn sie ohne eine schlüssige Erklärung gewechselt wird.

Oft ist die Perspektive des Erzählers sehr offensichtlich. Nämlich, wenn er in der Ich-Form erzählt. Das wird heute nicht mehr so oft gemacht, denn es engt die Möglichkeiten des Autors stark ein. Es ist z. B. unmöglich, in den Kopf des Gegenübers zu gucken ... Das Gegenteil ist gewissermaßen der allwissende Erzähler (auch auktorialer Erzähler genannt, wie wir im Deutsch-Unterricht gelernt haben). Er kann in jede der Figuren hineinschauen, ihre Gedanken lesen und Beweggründe erkennen und teilt uns diese auch mit. Und dann gibt es noch zwei Formen dazwischen. Erstens den neutralen Erzähler, der einfach nur aus der „Draufsicht“ beobachtet, ohne zu werten. Der spielt aber heutzutage kaum noch eine Rolle. Und zweitens den personalen Erzähler, der zwar in der Er- bzw. Sie-Form erzählt, aber trotzdem allein aus der Perspektive einer Figur, meistens des Hauptcharakters, berichtet. Letzteres ist aus meiner Sicht die spannendste Methode, denn sie eröffnet dem Autor zahlreiche Möglichkeiten. So kann ich zum Beispiel in verschiedenen Kapiteln verschiedene personale Erzähler verwenden. Ich kann in Szene 1 aus Johns Perspektive berichten und in Szene 2 aus Sukos Perspektive oder aus der Perspektive einer Nebenfigur. Wenn ich dagegen in beiden Szenen die Ich-Form verwenden würde, würde das sehr schnell verwirrend wirken. Und es gibt noch einen tollen Vorteil des personalen Erzählers: Er darf den Leser täuschen. Dafür muss er gar nicht mal direkt lügen. Obwohl er auch das unter Umständen darf (so etwas nennt man dann den unzuverlässigen Erzähler). Er kann ja einfach nur wichtige Informationen verschweigen. Oder tendenziös berichten. Hach, es gibt so viele Möglichkeiten, nicht die Wahrheit zu sagen ... :-)

JOHN SINCLAIR Classics Folge 29, „Der Hexenclub“Aber zurück zum Hörspiel. Da haben wir dieselben vier Möglichkeiten. Der Ich-Erzähler wird von Dietmar Wunder alias John Sinclair verkörpert, logisch. Die anderen drei Erzählmöglichkeiten vereinigt Alexandra Lange auf sich. In der Regel agiert sie dabei als allwissende Erzählerin, aber manchmal brechen wir das auch auf und sie nimmt die Perspektive einer bestimmten Figur ein. Ein sehr gemeines Beispiel für letzteren Fall ist die Eingangsszene der Classics-Folge 29, in der Alexandra den Nachhauseweg eines Trinkers beschreibt – und zwar ausschließend aus seiner Sicht. Nur so können wir am Ende der Szene zusammen mit ihm erschrecken, wenn er über eine Leiche stolpert ... Warum das Beispiel gemein ist? Weil die Folge noch nicht erschienen ist und ihr meine Aussage deshalb nicht überprüfen könnt, he he.

Und die meisten Möglichkeiten habe natürlich ich, denn Alexandra und Dietmar müssen ja lesen, was ich schreibe, und so kann ich theoretisch nach Belieben zwischen allen Perspektiven hin und her springen. Großartig ... allerdings eben auch nur rein theoretisch, denn es gibt eben schon einige Regeln zu beachten.

Welche Möglichkeiten habe ich nun in der eingangs beschriebenen Szene mit John auf dem Bürgersteig? – Dadurch, dass John außer Gefecht gesetzt ist, kann er nicht mehr mitbekommen, wie er von den Passanten gefilmt wird bzw. wie das kleptomane Phantom mit seinem Bentley davonfährt. Wir müssen also die Perspektive wechseln. Ich wollte aber nicht unvermittelt von John zu Alexandra wechseln, weil das den Hörer vielleicht irritiert hätte. Also muss allein durch die Geräusche und die Sprache der Figuren klar werden, was passiert. Man könnte das vielleicht als eine Art „hörspielspezifische Form des neutralen Erzählers“ bezeichnen. Weil der Hörer allein aufgrund der Geräuschkulisse auf das Geschehen schließen muss. Beim Schreiben der Szene damals dachte ich mir also, dass man vielleicht Johns Bewusstlosigkeit darstellen könnte, indem er keuchend zu Boden geht, während die Szene um ihn herum nur noch wie durch Watte zu hören ist. Und wenn er dann tatsächlich bewusstlos ist, werden die Geräusche wieder klarer, und die Passanten und das Phantom sind genauso deutlich wie zu Beginn zu hören – nur dass sie jetzt eben über John sprechen und nicht mehr mit ihm. Und so habe ich es dann gemacht und auch mit den Sprechern aufgenommen.

Und jetzt dieser Anruf. „Wie kommen wir von der Watte wieder zurück in die Realität? Da versteht man vielleicht nicht so gut, was da passiert“, merkte Sebastian kritisch an. „Weil John ja als Erzähler ausfällt, habe ich gedacht, man könnte seinen Fall in die Bewusstlosigkeit ja durch eine Dämpfung der Kulisse realisieren, und in dem Augenblick, wenn er endgültig weg ist, bringen wir einen kleinen Spezialeffekt, der klarmacht, dass wir die Perspektive wechseln, und dann sind die anderen Personen plötzlich wieder klar zu hören ... Was meinst du dazu?“

Ich meine dazu, dass es doch schön ist, wenn man sich versteht. Deshalb werde ich auch beim nächsten Mal ans Telefon gehen, wenn Sebastian anruft – und den Mauszeiger wie selbstverständlich auf dem Ordner mit den bereits aufgenommenen Skripten liegen haben ...

Wir lesen uns in zwei Wochen wieder, wenn auch der nächste Podcast erscheint, in dem gleich drei Sprecher aus der kommenden Folge 115 im Interview zu hören sein werden.

Dennis Ehrhardt