Wir schreiben den 9. Dezember, ta-ta! Das bedeutet, dass es heute nicht nur einen neuen Blogbeitrag gibt, sondern auch die zweite Folge des JOHN SINCLAIR-Podcasts. Ihr könnt ihn hier anhören und natürlich auch auf iTunes und Lübbe.de.

John Sinclair, Folge 112, "Tal der vergessenen Toten"Außerdem erscheint heute Folge 112, „Tal der vergessenen Toten“ – ein Hörspiel, das aus unserer Sicht wie wohl auch aus der Sicht von euch Fans ein alles andere als gewöhnliches JOHN SINCLAIR-Hörspiel ist. Mögen andere beurteilen, ob uns diese Folge gelungen ist oder nicht – wir haben sie im Laufe der Entstehung jedenfalls außergewöhnlich liebgewonnen und möchten deshalb heute gemeinsam mit euch einen besonderen Blick darauf werfen (beziehungsweise ein Ohr riskieren, ho ho). Begleitet uns auf einer kleinen Reise in die Welt des Bergbaus!

Die Romanvorlage spielt im Rheinischen Revier nahe Köln, in dem seit vielen hundert Jahren Braunkohle abgebaut wird. Um die Hintergründe der Hörspielhandlung besser zu verstehen, sei hier kurz darauf eingegangen, wie Kohle entsteht:

Kohle ist ein Sediment, das sich durch Ablagerung und Karbonisierung von Pflanzenresten bildet. Wenn das Holz toter Bäume über Jahrmillionen von darüber liegenden Gesteinsschichten unter Druck und Luftabschluss gepresst wird, beginnt der Prozess der „Inkohlung“: Es entsteht eine lockere, poröse, brennbare Masse, die vorwiegend aus Kohlenstoff, aber auch aus anderen Stoffen wie Schwefel besteht. Je tiefer die Kohle unter der Erde liegt und je länger sie gepresst wurde, desto dichter ist sie, und desto höher ist ihr Brennwert. Braunkohle, die in der Regel in geringen Tiefen von fünfzig bis mehreren hundert Metern unter der Erde liegt, hat einen niedrigeren Brennwert als die dichtere Steinkohle, die tiefer liegt. Die Braunkohleflöze des Rheinischen Reviers werden darum heute nicht mehr durch Tiefbergbau abgebaut. Statt Stollen zu graben und unter Tage zu arbeiten (wie es bei der Steinkohle heute noch üblich ist), verwendet man riesige Schaufelbagger von über 200 Metern Länge. Diese räumen nicht nur die Kohle ab, sondern auch alle Schichten darüber, sodass kilometerbreite und -lange Gruben entstehen. Im Rheinischen Revier mussten bereits mehrfach ganze Dörfer umgesiedelt und Autobahnen verlegt werden, um Platz für die Bagger zu schaffen, was natürlich vor allem für die Anwohner eine große Belastung darstellt. Man denke nur an die umstrittene Erweiterung der Tagebaugrube Garzweiler, die vor einigen Jahren durch die Presse ging.

Sebastian, sei vorsichtig mit den Händen!In dieser Umgebung spielt der Roman „Tal der vergessenen Toten“: John Sinclair wird von Will Mallmann kontaktiert, der einer alten Geschichte nachspürt: Angeblich wurden bei einem Unglück im Rheinischen Revier vor hundert Jahren mehrere Bergleute verschüttet. Und nun behaupten Menschen, in der Nähe einer neu ausgehobenen Grube Zombies gesehen zu haben ...

Es handelt sich also fast um eine klassische Gespenstergeschichte, die im Vergleich zu den Mehrteilern um den Planeten der Magier und die Großen Alten etwas leiserer Töne anschlägt. Das wäre an sich schon ein Argument für eine Vertonung gewesen. Umso schöner noch, dass sie praktisch vor der Haustür von Bastei-Lübbe und Jason Dark spielt.

Der Roman atmet dementsprechend jede Menge Zeitgeist. Von Männern, die beim Brikettstapeln eine Zombiehand entdecken, über Bundeswehrsoldaten, die in der Nähe der Grube während einer Übung in einem Pick-up auf Zombies stoßen – bis zu einer Familienmutter, die sich Samstagabend auf „EWG“ freut ... (Ja, die Älteren unter uns kennen den Code noch: „Einer Wird Gewinnen“ mit Hans-Joachim Kulenkampff. ;-) )

Sebastian am FörderbandEiniges davon haben wir bei der Bearbeitung angepasst – genauso wie die im Roman nur angedeutete Spukgeschichte, die als Aufhänger der Handlung dient. Denn genau an diesem Punkt begann unsere Fantasie Kapriolen zu schlagen: Im 19. Jahrhundert gab es natürlich noch keine Schaufelbagger, und deshalb wurde damals auch Braunkohle noch unter Tage abgebaut: in finsteren, stickigen Stollen, die die Männer mit eigenen Händen (beziehungsweise ihrer Keilhaue) die Kohle schlagen mussten. Der Kohlebruch wurde dann mithilfe von Pferden und Schubkarren zum Hauptschacht gebracht. Diese Pferde verbrachten fast ihr gesamtes Leben unter der Erde und waren praktisch blind, wenn sie später irgendwo auf einer Wiese aufs Altenteil geschafft wurden. Aber auch den Menschen ging es schlecht: Kohlestaub und die ständige Einsturzgefahr sorgten für eine geringe Lebenserwartung.

Kurz gesagt, eine Idee hatte uns angesprungen und überwältigt: Vor unserem geistigen Auge (bzw. wieder: Ohr) entstand eine Geschichte, die ausnahmsweise einmal kaum etwas mit John Sinclair zu tun hat, sondern sich vielmehr auf das Schicksal der Bergarbeiter konzentriert. Wir stellten uns vor, wie es wäre, dem damaligen Alltag unter Tage nachzuspüren, den finsteren Geschichten, den Geistern, die in den Schächten wispern ...

Allerdings sind wir bekanntlich selbst keine Bergleute, sondern Hörspielmacher. Also haben wir uns erst einmal aufgemacht, um genauer zu recherchieren. Die erste Reise führte uns dabei ins Bergbau-Museum in Bochum, in dem man einen original nachgebauten Tiefbergbau-Schacht mit allen möglichen Maschinen besichtigen kann. Logisch, dass Sebastian dabei auch gleich einige Geräusche aufgezeichnet hat, wie ihr durch einen Klick auf das jeweilige Foto hören könnt (Dennis hatte währenddessen Wichtigeres zu tun, wie auf dem Foto unten zu sehen ist). Zu dem Zeitpunkt hatten wir nämlich noch überlegt, die Handlung ins Ruhrgebiet zu verlegen, weil wir unbedingt einen Teil des Hörspiels „unter Tage“ spielen lassen wollten. Dann haben wir aber jede Menge Bücher speziell über Braunkohleabbau gewälzt, und da hat es endgültig klick gemacht: Wir lasen von den alten Braunkohleschächten, von der harten Arbeit unter Tage – dort, wo heute einfach die Schaufelbagger Mondkrater in die Landschaft fräsen. Und wir stellten uns vor, wie es damals gewesen wäre, wenn ein Bergarbeiter mit dem Namen, sagen wir, Christoph Krüger zusammen mit seinem Freund Fegemann in einen Strudel unheimlicher Ereignisse geraten wäre ...

Dennis wird Lokomotivführer

Bei allen JOHN SINCLAIR-Fans, die sich bei Folge 112 auf eine originalgetreue Wiedergabe des Romans gefreut haben, bitten wir um Verständnis, dass wir es diesmal total anders gemacht haben. Folge 112 ist ganz sicher kein normales JOHN SINCLAIR-Hörspiel geworden. Aber es erzählt eine Geschichte, die unserer Ansicht nach unbedingt erzählt werden musste und die wir mit aller Leidenschaft und Freude an unserer Arbeit so gut und dicht und spannend erzählt haben, wie es uns möglich war. Wir hoffen, dass ihr beim Hören mindestens so viel Spaß habt wie wir beim Schreiben und Vertonen.

So, und bevor wir uns für heute verabschieden, noch ein kleiner Hinweis auf die aktuelle Hörbuch-Bestsellerliste von „Spiegel“ und „Buchreport“, veröffentlicht im „Literatur-Spiegel“, Ausgabe Dezember/Januar. Ja, ei, wer steht denn da auf Platz 9, hm? Wir wussten es ja immer: SINCLAIR ist große Kunst! :-)

Viele Grüße

Dennis Ehrhardt & Sebastian Breidbach