Heute widmen wir uns ausführlich der kürzlich erschienenen Classics-Folge 28, „Die Geisterhöhle“. Nachdem unserere treue Hörerin Michaela Froelian, vielen auf Facebook auch bekannt als „Sheila Conolly“, die Vertonung stark kritisiert hat, haben wir sie natürlich zum Rapport gebeten. :-) Herausgekommen ist ein Interview, das eigentlich gar kein Interview ist, sondern eher ein Gespräch zwischen Machern und Fan. Jedenfalls hat es uns großen Spaß gemacht! Vielen Dank an dich, Michaela, dass du bereit warst, so ausführlich Auskunft zu geben:

Michaela:
Oha, anscheinend ist es euch zu Ohren gekommen, dass ich die Folge nicht besonders gut fand.

Dennis: Ganz ehrlich, das ist doch völlig in Ordnung. Die Geschmäcker sind verschieden, und jeder darf etwas doof finden, was wir gut finden.

Sebastian: Die interessante Frage wäre ja dann, was genau dir an der Folge nicht gefallen hat.

Na ja, ich hatte mich sehr auf Bill Conolly gefreut, der einer meiner Lieblingscharaktere ist – und in der Originalstory eine tragende Rolle spielt. Ihr habt ihn dagegen aus der Hörspielstory komplett herausgestrichen und außerdem auch viele Elemente neu gewichtet. Das hat mir nicht gefallen.

JOHN SINCLAIR Classics, „Die Geisterhöhle“Dennis: Für die Änderungen gab es zwei Gründe. Erstens fanden wir das Originalmotiv – dass Bill in die Story hineingezogen wird, weil einer seiner Urahnen gegen den Dämon gekämpft hat – etwas an den Haaren herbeigezogen. Und zweites hat Bill gerade in der Hauptserie in den beiden aktuellen Mehrteilern (108-111 sowie 113-116) mitgewirkt und zusätzlich in den letzten Classics-Folgen 24-26 riesige Auftritte hingelegt. Da wollten wir ehrlich gesagt einfach einen Bill-Overkill vermeiden.

Eine Bill-Overkill? Seid ihr wahnsinnig??? Auf keinen Fall! Detlef Bierstedt macht das top, den kann man immer hören!

Sebastian: Das war glaub ich auch nicht das, was wir infrage stellen wollten ...

Jaa, ich weiß schon! Aber die Conollys sind meine Lieblingscharaktere, die könnt ihr dann doch nicht einfach aus der Geschichte entfernen! Und dann auch noch aus einem Original-Gespenster-Krimi. Ich liiebe die alten Gespenster-Krimi-Geschichten und freue mich immer, wenn der Geist des Originals erhalten bleibt!

Dennis: Er bleibt ja erhalten. Aber dafür muss ja nicht immer Bill mitspielen, oder?

Doch! :-)

Sebastian: Okay, an der Stelle kommen wir grad nicht weiter, hab ich das Gefühl. :-)) Wenn dir der „Geist des Originals“ so wichtig ist, wäre vielleicht erst mal zu klären, worum es sich bei diesem „Geist“ eigentlich handelt. Ist es die Geschichte? Sind es die Sätze des Romans? Sind es die Figuren? Was genau ist dir wichtig? – Also abgesehen von Bill Conolly. :-)

Als Hörer kommt das natürlich darauf an, was man erwartet. Einmal sind da wohl diejenigen Hörer, die nach Feierabend einfach nur ein gutes Sinclair-Hörspiel hören wollen und rein nach der gehörten Geschichte, den Dialogen, der technischen Umsetzung etc. beurteilen ... und dann gibt's diejenigen, die sich auf die Vertonung der Sinclair-Heftgrundlage freuen und somit die Originaltreue bewerten. Und vielleicht gibt’s sogar eine dritte Gruppe: diejenigen, die die Heftgrundlagen „ausblenden“ können ... aber eben auch nicht immer (und dabei von Fall zu Fall urteilen, was ihnen wichtig ist). Dabei spielt natürlich auch eine Rolle, ob man den Roman so mochte, wie er damals geschrieben wurde, oder ob man sich über eine Veränderung freuen würde.

Sebastian: In welche Gruppe würdest du dich denn einordnen?

Hm, ich finde es auf jeden Fall in Ordnung, wenn es Abweichungen im Hörspiel gibt. Wenn also zum Beispiel Orte, Situationen oder die Handlung abgewandelt werden, weil bestimmte Elemente vielleicht nicht mehr ganz zeitgemäß sind. Wenn aber auch die Grundgeschichte einschließlich wichtiger Figuren wie Freunde oder Feinde von John abgeändert werden, ist es nicht mehr die Geschichte, um die es gehen sollte.


Dennis:
Was aber, wenn es gerade für diese Änderungen Gründe gibt? Zum Beispiel hat Jason Dark ja auch nicht permanent dieselben Hauptfiguren neben John und Suko eingesetzt, sondern für Abwechslung gesorgt. Wenn wir nun Romane zur Vertonung auswählen, in denen zufällig jedes Mal Bill vorkommt, ist es vielleicht sinnvoll, da zu reagieren, oder?

Hm, vermutlich ist es auch einfach persönlicher Geschmack. Ich fand zum Beispiel eure Vertonung der Kreuztrilogie ganz okay ...

Sebastian: Uih, ganz okay ... :-)

... obwohl da ja rein objektiv noch mehr geändert wurde als bei der „Geisterhöhle“, indem die Okastra-Saga in die Geschichte einbezogen wurde. Ich finde es grundsätzlich auch okay, wenn Figuren, die im Original keine Rolle gespielt haben, der Story hinzugefügt werden. Aber wenn welche weggelassen werden, finde ich das schon weniger gut.

Dennis: Das ist natürlich ein sehr persönlicher Standpunkt.

Klar. Aber ich kann sogar noch subjektiver werden! Vielleicht erlebt man Änderungen an der Story auch je nachdem, ob man vorher darüber informiert wurde, ganz anders. Durch eure Ankündigung auf der Sinclair-Convention wusste ich zum Beispiel, dass die Folge 112 sehr anders werden wird. So war ich vorgewarnt und fand sie auch sehr gut. Das wäre vielleicht anders gewesen, wenn ich nichts gewusst hätte. Bei der „Geisterhöhle“ hab ich mich halt sehr auf die Originalstory gefreut ...

Dennis: ... und hast dann zum Beispiel dem Handlungsstrang um die Rocker gar keine große Aufmerksamkeit gewidmet. Dabei fand ich gerade das an der Folge interessant: Diesen Gestalten, die im Original aus den Siebzigern natürlich noch ganz anders gezeichnet wurden, einen moderneren „Sons of Anarchy“-Anstrich zu verleihen.

Sebastian: Auf jeden Fall ist es klar, dass jeder, der die Serie John Sinclair hört, gewisse Erwartungen hat. Und manchmal wird es vielleicht genau da interessant, wo diese Erwartungen gebrochen werden ...

Das bedeutet, wir Hörer müssen uns darauf gefasst machen, dass sich auch weiterhin einiges ändern wird? Dann könnte man ja zum Beispiel auch Suko in die Classics einbringen, da er ja nun schon seine Ausbildung beim Yard absolviert.

Dennis: Ja, aber die dauert ja schon ein bisschen. Er hat ja erst vor 15 Folgen damit angefangen. :-)

Wird es speziell bei so vielen Abänderungen nicht ein wenig schwierig, die Hörspiele noch unter dem ursprünglichen Titel laufen zu lassen, da besonders die „Alt-Fans“ ja doch schon so einige Kompromisse eingehen (müssen)? Oder sollen die adaptierten Handlungen, teils mit ausgetauschten Protagonisten, inzwischen sogar mehr die „nächste Generation“ von Fans ansprechen?

Dennis: Das klingt mir ehrlich gesagt ein bisschen zu „kalkuliert“. Wir wollen die bestmögliche Sinclair-Serie machen und eben dem besagten Geist des Originals so gut wie möglich gerecht werden.

Sebastian: Da haben wir ihn wieder, den „Geist“ ...

Ja, der spukt hier ganz schön rum, oder?

Dennis: Aber da wir nicht jedes Heft vertonen können, müssen wir nun einmal auswählen, und da scheiden sich eben die, äh, Geister. Der eine möchte den Roman haben, der andere den. – Die Titelauswahl habe ich bisher nicht als so großes Problem gesehen. Eher schon die Coverauswahl, weil manche Illustrationen ja schon damals Archivbilder waren und nicht absolut genau gepasst haben. Und manche Bilder sind auch, äh, seltsam … Also Lupina als Wölfin mit blonden Haaren – alle Achtung! :-)

Wie geht ihr denn überhaupt vor, wenn ihr eine Sinclair-Story vertonen wollt?
Lest ihr den jeweiligen Stoff immer unmittelbar, bevor ihr einen Inhalt vertont, oder habt ihr den entsprechenden Roman irgendwann mal gelesen und vertont ihn aus der Erinnerung heraus oder „lasst“ ihr den Roman kurz vorher noch einmal lesen (man hat ja als Hörspiel-Macher bestimmt auch nicht immer die Zeit, alles nochmal haarklein nachzulesen) und lasst euch dann die wesentlichen Geschehnisse/Figuren/wichtigen Vorkommnisse erzählen?

Dennis: Lesen lassen … Das ist eine gute Idee! Wenn ich dann noch das Skript schreiben „lasse“ und Sebastian das alles vertonen „lässt“ … Das wäre ein Leben! – Aber nee, noch machen wir das alles selbst. Ich lese die Romane vorab bei der Planung und später noch einmal, wenn es an die konkreten Skripte geht.

Also eigentlich ja sogar noch zusätzliche Arbeit, vor allem, wenn man dann noch Romane zusammenfasst.

Dennis: Beim Lesen gewinnt man ja schon einen Eindruck von den Stärken (und eben auch manchmal Schwächen) der Story. Man bekommt ein Gefühl für die Höhepunkte und die wichtigen Elemente und Wendepunkte der Geschichte. Dann gibt es da oft noch bestimmte interessante Situationen, die vielleicht für die Story nicht absolut entscheidend sind, die aber atmosphärisch interessant sein können. So entsteht nach und nach ein grobes Bild, das ich dann mit dem Skript nachzeichne.

Kann es auch vorkommen, dass Sprecher, die für eine Folge gebraucht werden, mal nicht können, weil sie in anderen Projekten stecken? Werden die Rollen dann anderweitig besetzt oder umgeschrieben, oder wird gewartet?

Dennis: Hier und da gibt es natürlich mal Terminprobleme, aber da wir einen entsprechenden Vorlauf haben, ist es bisher immer hingekommen. Ein Skript umzuschreiben, weil ein Sprecher nicht aufgenommen werden kann, ist auch gar nicht möglich. Da müssten alle anderen ja auch noch mal aufgenommen werden – Wahnsinn! Was wir aber schon mal gemacht haben, sind z. B. zwei alternative Enden zu schreiben. Zum Beispiel telefoniert Sinclair am Ende von Folge 28 mit Pater Ignatius. Diesen Dialog habe ich doppelt geschrieben, einmal als echten Dialog und einmal so, wie er jetzt im Hörspiel zu hören ist. Sodass nur John zu hören ist. Mit Dietmar Wunder haben wir dann auch beide Versionen aufgenommen. Zu dem Zeitpunkt stand nämlich noch im Raum, dass wir irgendwo zwischen Folge 105 und 110 „Die Rückkehr der Horror-Reiter" vertonen, und da hätte Ignatius ja auch eine große Rolle gespielt. Aber dann haben wir uns entschieden, diese Folge nach hinten zu schieben, um mehr Platz für den Jane-Handlungsstrang zu haben. Das bedeutete natürlich auch, dass wir Pater Ignatius nicht aufnehmen konnten, denn für die paar Sätze am Ende von Folge 28 kann man einen Sprecher nicht extra ins Studio bitten. So war es gut, dass wir den alternativen Monolog von John hatten, den wir ja letzten Endes dann auch verwendet haben.

Interessant und zudem auch noch eine super selbsterklärende Antwort auf die Frage, warum Pater Ignatius beim Telefongespräch nicht selbst zu hören war! Von einigen Fans wurde dies nämlich schon wie eine Art von „Sparmaßnahme“ aufgefasst – habt ihr bestimmt auch schon irgendwo lesen können ...

Dennis: Ja. Ist aber Quatsch.

Also, da ihr so gerne experimentiert (wie man ja auch in Folge 112 hören konnte), hätte ich zum Abschluss noch mal einen Vorschlag. Alte Filme wie Tarantula etc. sind ja sehr beliebt. Und auch die TSB-Sinclairs werden immer noch gehört. – Wie wäre es, speziell eine Classics-Folge mal eins zu eins, also exakt nach dem Roman mit den Original-Dialogen zu vertonen? Aber eben mit heutiger Musik, heutigen Sounds etc. Das wäre doch mal etwas völlig Neues, oder?

Sebastian:
Wohl eher etwas völlig Altes.

Ja, stimmt. :-) Aber toll wär’s trotzdem!

Dennis: Können wir uns ja mal durch den Kopf gehen lassen ...

Yippieh!!!! :-))) Vielen Dank für das nette Gespräch! Hat super viel Spaß gemacht!

Sebastian: Uns auch.

Dennis: Danke dir für deine klare Meinung, Michaela!